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Die LandsgemeindeAppenzell Innerrhoden – Einbürgerungstest

Lesedauer: 7 Min.

Stellen Sie sich Demokratie in ihrer reinsten, sichtbarsten Form vor: Hunderte von Bürgern, die auf einem Dorfplatz stehen, die Hand heben, um über Gesetze abzustimmen und ihre Regierung zu wählen. Ke…

Stellen Sie sich Demokratie in ihrer reinsten, sichtbarsten Form vor: Hunderte von Bürgern, die auf einem Dorfplatz stehen, die Hand heben, um über Gesetze abzustimmen und ihre Regierung zu wählen. Keine geheimen Abstimmungen, keine Wahlkabinen – nur öffentliche, transparente Entscheidungen unter freiem Himmel. Das ist die Landsgemeinde von Appenzell Innerrhoden, eine von nur zwei Orten in der Schweiz, wo diese alte Tradition überlebt hat. Jeden letzten Sonntag im April versammeln sich die Bürger des Kantons, um direkte Demokratie genau so auszuüben wie ihre Vorfahren seit Jahrhunderten.

Was ist die Landsgemeinde?

Direkte Demokratie in ihrer reinsten Form:

  • Eine Versammlung im Freien, bei der sich alle stimmberechtigten Bürger versammeln
  • Die Bürger stimmen durch Handmehr (Handaufheben)
  • Keine geheimen Abstimmungen – alles ist öffentlich
  • Alte Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht
  • Eine der ältesten Formen der direkten Demokratie, die noch praktiziert wird

So funktioniert die Abstimmung:

  • Handmehr (Handaufheben)
  • Die Bürger heben die Hand, um Ja oder Nein zu stimmen
  • Der Landammann beurteilt das Mehr optisch
  • Wenn das Ergebnis unklar ist, wird sorgfältiger gezählt
  • Entscheidungen werden kollektiv und öffentlich getroffen

Öffentliche Teilhabe:

  • Alles findet unter freiem Himmel statt
  • Bürger können Vorlagen öffentlich debattieren
  • Entscheidungen werden transparent getroffen
  • Schafft starke staatsbürgerliche Beteiligung

Ähnlich wie im antiken Athen:

  • Wie die athenische Versammlung treffen die Bürger gemeinsam Entscheidungen
  • Direkte Teilhabe, keine Repräsentation
  • Das Volk selbst ist die Legislative

Die Landsgemeinde von Appenzell Innerrhoden

Wann und wo:

  • Findet jedes Jahr am letzten Sonntag im April statt
  • Veranstaltungsort ist der Marktplatz von Appenzell (Landsgemeindeplatz)
  • Alle stimmberechtigten Bürger treffen sich im Freien
  • Bei passendem Wetter – die Versammlung wird fast niemals abgesagt

Wer kann teilnehmen:

Zulassung:

  • Schweizer Bürger und Wohnsitz in Innerrhoden
  • Alter 18 oder älter
  • Seit 1990: Frauen und Männer (siehe eigene Lektion)

Traditionelle Kleidung:

  • Viele Bürger erscheinen in Tracht
  • Dies ist freiwillig, aber üblich
  • Zeigt Stolz auf die kantonale Identität
  • Schafft eine besondere, farbenfrohe Atmosphäre

Ablauf:

Versammlungsform:

  • Die Bürger stehen auf dem Platz, meist in einem grossen Ring
  • Der Landammann (höchste kantonale Amtsperson) leitet
  • Die Regierung präsentiert Vorlagen zur Abstimmung
  • Bürger können öffentlich debattieren

Abstimmungsprozess:

  • Abstimmung durch Handmehr
  • Der Landammann beurteilt das Mehr optisch
  • Bei Unklarheit wird genauer gezählt
  • Die Beschlüsse sind für das ganze Jahr verbindlich

Was wird entschieden:

  • Kantonale Gesetze und Verfassungsänderungen
  • Genehmigung des Budgets
  • Wahl der kantonalen Regierung (Standeskommission)
  • Wahl des Landammanns
  • Wichtige politische Richtungsentscheide

Dauer:

  • Dauert typischerweise 2–4 Stunden
  • Hängt von der Anzahl der Vorlagen ab

Tradition und Zeremoniell

Zeremonielle Waffen (Seitengewehr):

Historische Tradition:

  • Bürger tragen traditionell eine zeremonielle Seitenwaffe (Schwert oder Dolch)
  • Ursprünglich echte Waffen – heute nur noch zeremoniell
  • Symbolisiert den bewaffneten, freien Bürger
  • Historisches Konzept: Freie Bürger hatten das Recht zum Waffentragen
  • Geht auf das Mittelalter zurück

Heutige Praxis:

  • Viele Männer (und einige Frauen) tragen noch zeremonielle Schwerter
  • Meistens an einem Gürtel oder einer Kette getragen
  • Jedes Schwert ist persönlich und oft über Generationen weitergegeben
  • Schafft eine besondere, feierliche Atmosphäre

Andere zeremonielle Elemente:

Eröffnung:

  • Formelle Eröffnungszeremonien
  • Reden von Behördenträgern
  • Manchmal Gebete oder Segnungen

Während des Verlaufs:

  • Formelle Sprache und Verfahren
  • Respektvoller Umgang erwartet
  • Der Landammann gibt Anweisungen und achtet auf Ordnung

Nach der Abstimmung:

  • Geselligkeit und Gemeinschaftstreffen
  • Essen und Trinken verfügbar
  • Musik und Feier
  • Stärkt die Gemeinschaftsbindungen

Gefühl der staatsbürgerlichen Pflicht:

  • Starkes Gefühl der Teilnahme an etwas Wichtigem
  • Verbindung zu den Vorfahren, die dasselbe taten
  • Stolz auf diese einzigartige demokratische Tradition
  • Lebendiges Schweizer Erbe

Glarus – der andere Kanton mit Landsgemeinde

Nur zwei Kantone:

  • Appenzell Innerrhoden und Glarus waren die einzigen zwei Kantone, die noch die Landsgemeinde praktizierten
  • Alle anderen Kantone haben diese Tradition abgeschafft
  • Beide sind konservative, traditionelle Kantone

Ähnlichkeiten:

  • Beide halten Versammlungen im Freien ab
  • Beide stimmen per Handmehr ab
  • Beide bewahren alte demokratische Traditionen
  • Beide sind relativ kleine, ländliche Kantone

Unterschiede:

Appenzell Innerrhoden:

  • Letzter Sonntag im April
  • Konservativer und traditioneller
  • Zeremonielle Schwerter werden getragen
  • Kleinere Bevölkerung (~16'000)

Glarus:

  • Erster Sonntag im Mai
  • Etwas weniger traditionell
  • Keine zeremonielle Schwerter
  • Grössere Bevölkerung (~40'000)
  • Glarus schaffte die Landsgemeinde 2023 ab (die letzte fand am 7. Mai 2023 statt)

Hinweis: Seit 2023 hat Glarus beschlossen, die Landsgemeinde abzuschaffen. Appenzell Innerrhoden ist nun der einzige Kanton, der diese Tradition noch praktiziert.

Auf dem Landsgemeindeplatz stehen, neben den Nachbarn die Hand heben, um über kantonale Gesetze abzustimmen – das ist Schweizer Demokratie zum Anfassen! Keine Wahlkabinen, keine geheimen Abstimmungen – nur Bürger, die sich unter freiem Himmel versammeln und gemeinsam entscheiden. Die zeremoniellen Schwerter, die viele Teilnehmer tragen, erinnern alle daran, dass freie Bürger immer die Verantwortung der Selbstregierung getragen haben. Das ist nicht nur Abstimmung; es ist eine lebendige Tradition, die die Bürger von heute mit Jahrhunderten demokratischer Praxis verbindet.

Merke dir die Kernfakten zu ai_3: Landsgemeinde = Versammlung im Freien, Abstimmung per Handmehr, keine geheimen Abstimmungen, Letzter Sonntag April auf dem Dorfplatz, Landammann präsidiert (höchster Beamter), Zeremonielle Schwerter (Tradition der bewaffneten freien Bürger), Einziger Kanton, der diese Tradition noch praktiziert (Glarus schaffte 2023 ab), Zulassung = Schweizer Bürger, 18+, Wohnsitz Innerrhoden, Frauen seit 1990. Reine direkte Demokratie, öffentlich und transparent.