Die Schweiz erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft
Wenn du eine Einbürgerung in der Schweiz in Betracht ziehst, ist das wahrscheinlich deine erste Frage: Muss ich meinen aktuellen Pass aufgeben? Die Antwort ist nein.
Die Schweiz erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft seit 1992 ohne Einschränkungen. Davor bedeutete der Erwerb der Schweizer Staatsbürgerschaft automatisch den Verlust der bisherigen Nationalität — aber diese Regel wurde vor über 30 Jahren abgeschafft. Heute kannst du die Schweizer Staatsbürgerschaft neben jeder anderen Nationalität halten, und die Schweiz stellt dafür keine Bedingungen oder Einschränkungen.
Das gilt für alle Wege zur Staatsbürgerschaft — ordentliche Einbürgerung, erleichterte Einbürgerung durch Heirat und Staatsbürgerschaft durch Abstammung. Ob du ein deutscher Staatsangehöriger bist, der seit 12 Jahren in der Schweiz lebt, oder ein Brasilianer, der mit einem Schweizer Bürger verheiratet ist — die Schweiz wird dich nie auffordern, deine andere Staatsbürgerschaft aufzugeben.
Ungefähr 25% der Schweizer Bürger besitzen eine doppelte Staatsbürgerschaft. Es ist keine Sonderregelung. Es ist die Norm.
Viele Menschen schieben den Beginn des Einbürgerungsverfahrens hinaus, weil sie annehmen, sie müssten zwischen Pässen wählen. Wenn dich das bisher zurückgehalten hat, kannst du diese Sorge beiseitelegen — zumindest was die Schweizer Seite betrifft. Die Frage ist, ob dein Herkunftsland es ebenfalls erlaubt.
Erlaubt dein Herkunftsland die Doppelbürgerschaft?
Die Schweiz sagt ja, aber das andere Land hat seine eigenen Regeln. Hier ist die Situation für die häufigsten Nationalitäten in der Schweiz.
Deutschland: Ja. Seit Juni 2024 erlaubt Deutschland die doppelte Staatsbürgerschaft uneingeschränkt für alle Einbürgerungen. Zuvor mussten Deutsche, die sich im Ausland einbürgern liessen, eine Beibehaltungsgenehmigung beantragen. Diese Pflicht ist weggefallen. Wenn du Deutscher bist und dich in der Schweiz einbürgern lässt, behältst du deine deutsche Staatsbürgerschaft automatisch.
Italien: Ja. Italien erlaubt seit langem die doppelte Staatsbürgerschaft. Italienische Staatsangehörige können Schweizer werden, ohne ihren italienischen Pass zu verlieren.
Frankreich: Ja. Frankreich erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft ohne Einschränkungen.
Portugal: Ja. Portugiesische Staatsangehörige können mehrere Staatsbürgerschaften besitzen.
Spanien: Ja. Spanien erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft ohne Einschränkungen.
Vereinigtes Königreich: Ja. Das Vereinigte Königreich erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft, auch nach dem Brexit.
Türkei: Ja, aber mit einem Schritt. Die Türkei erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft, aber du solltest das türkische Konsulat informieren. Wenn du das nicht tust, verlierst du deine türkische Staatsbürgerschaft nicht, aber es kann später zu administrativen Komplikationen führen.
Kosovo: Ja. Kosovo erlaubt die doppelte Staatsbürgerschaft.
Serbien: Ja. Serbien hat sein Staatsbürgerschaftsrecht 2021 geändert und erlaubt nun in den meisten Fällen ausdrücklich die doppelte Staatsbürgerschaft.
Österreich: Grundsätzlich nein. Österreich verlangt, dass du deine österreichische Staatsbürgerschaft vor oder kurz nach dem Erwerb einer anderen aufgibst. Es gibt begrenzte Ausnahmen, die aber selten sind und eine vorgängige Genehmigung erfordern. Das ist eine der strengsten Regelungen in Europa.
Wenn dein Land hier nicht aufgeführt ist, erkundige dich bei deiner Botschaft oder deinem Konsulat in der Schweiz. Der Kernpunkt: Die Schweiz wird nie das Hindernis sein. Jede Einschränkung kommt von der anderen Seite.
Rechte und Pflichten als Doppelbürger
Zwei Pässe zu besitzen hat praktische Konsequenzen. Hier ist, was sich ändert — und was nicht.
Militärdienst: Die Schweiz hat eine obligatorische Militärdienstpflicht für männliche Bürger. Wenn du dich aber nach dem 25. Lebensjahr einbürgern lässt, bist du grundsätzlich vom Dienst befreit (du schuldest möglicherweise aber noch die Wehrpflichtersatzabgabe bis zum 37. Lebensjahr). Wenn du bei der Einbürgerung unter 25 bist, musst du den Dienst oder Zivildienst absolvieren. Deine Pflichten gegenüber dem Militär deines anderen Landes sind separat und richten sich nach dessen Gesetzen.
Steuern: Die Schweiz besteuert nach Wohnsitz, nicht nach Staatsbürgerschaft. Doppelbürger zu sein bedeutet nicht, dass du doppelt besteuert wirst. Du zahlst Schweizer Steuern, wenn du in der Schweiz lebst, unabhängig davon, wie viele Pässe du besitzt. Die grosse Ausnahme sind die Vereinigten Staaten, die ihre Bürger weltweit besteuern — wenn du Amerikaner bist, musst du weiterhin eine US-Steuererklärung einreichen, auch als Schweizer Bürger. Die meisten anderen Länder besteuern Nicht-Einwohner nicht.
Stimmrecht: Du kannst in beiden Ländern abstimmen, wo immer es dir erlaubt ist. Als Schweizer Bürger kannst du an eidgenössischen, kantonalen und kommunalen Wahlen und Abstimmungen teilnehmen. Viele Länder erlauben auch Auslandbürgern die Teilnahme an ihren Wahlen.
Passverwendung: Bei der Einreise in die Schweiz benutzt du deinen Schweizer Pass. Bei der Einreise in dein anderes Land benutzt du dessen Pass. Für Drittländer verwendest du den jeweils praktischeren Pass (visafreier Zugang, kürzere Schlangen). Der Schweizer Pass gehört zu den stärksten Reisepässen der Welt.
Konsularschutz: In deinem anderen Staatsbürgerschaftsland kann die Schweiz dir grundsätzlich keinen konsularischen Schutz gewähren — das andere Land betrachtet dich als seinen eigenen Bürger. In Drittländern kannst du bei der Botschaft beider Länder Hilfe suchen.
Häufige Mythen zur Doppelbürgerschaft
Es gibt viel Fehlinformation über die doppelte Staatsbürgerschaft in der Schweiz. Räumen wir mit den häufigsten Mythen auf.
Mythos: «Man muss sich mit 18 für eine Staatsbürgerschaft entscheiden.» Das ist für die Schweiz falsch. Manche Länder verlangen eine Wahl im Erwachsenenalter, die Schweiz nicht. Sobald du Schweizer Bürger bist, bleibst du es auf unbestimmte Zeit — egal wie viele andere Staatsbürgerschaften du besitzt. Es gibt keine Frist zum «Entscheiden».
Mythos: «Man wird doppelt besteuert.» Fast nie. Die Schweiz besteuert nach Wohnsitz, und die meisten Länder tun dasselbe. Doppelbesteuerungsabkommen bestehen zwischen der Schweiz und über 100 Ländern, um genau das zu verhindern. Die einzige nennenswerte Ausnahme sind die Vereinigten Staaten, die nach Staatsbürgerschaft besteuern. Für alle anderen gilt: Du zahlst Steuern, wo du wohnst.
Mythos: «Man kann die Schweizer Staatsbürgerschaft leicht verlieren.» Äusserst unwahrscheinlich. Seit 2018 entzieht die Schweiz Doppelbürgern, die im Ausland geboren wurden und sich nicht bis zum 25. Lebensjahr gemeldet haben, die Staatsbürgerschaft nicht mehr automatisch (alte Regel). Heute gibt es nur zwei Wege, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu verlieren: freiwilliger Verzicht oder Widerruf wegen betrügerischer Einbürgerung. Einfach einen anderen Pass zu besitzen oder im Ausland zu leben, gefährdet deine Schweizer Staatsbürgerschaft nicht.
Mythos: «Kinder werden nicht automatisch Schweizer.» Wenn mindestens ein Elternteil zum Zeitpunkt der Geburt Schweizer ist, ist das Kind Schweizer — unabhängig davon, wo es geboren wird und welche anderen Staatsbürgerschaften es besitzt. Das gilt unabhängig davon, ob die Eltern verheiratet sind oder nicht (obwohl der Prozess für unverheiratete Väter leicht abweicht).
Mythos: «Doppelbürger können in der Schweiz kein öffentliches Amt bekleiden.» Es gibt kein Bundesgesetz, das Doppelbürgern die Ausübung eines öffentlichen Amtes verbietet. Einige Kantone hatten in der Vergangenheit solche Einschränkungen, aber sie wurden weitgehend aufgehoben. Doppelbürger dienen auf allen Ebenen der Schweizer Regierung.
Doppelbürgerschaft und das Einbürgerungsverfahren
Wenn du das Schweizer Einbürgerungsverfahren durchläufst — ob ordentlich oder erleichtert — hier ist, was du über die Doppelbürgerschaft in diesem Zusammenhang wissen musst.
Die Schweiz verlangt zu keinem Zeitpunkt im Verfahren, dass du deine aktuelle Staatsbürgerschaft aufgibst. Es gibt kein Formular auszufüllen, keine Erklärung abzugeben und keinen Nachweis des Verzichts zu erbringen. Die Schweizer Behörden — SEM, dein Kanton und deine Gemeinde — betrachten deine andere Staatsbürgerschaft schlicht als irrelevant für ihren Entscheid.
Dein Einbürgerungsgesuch wird nach eigenen Massstäben beurteilt: Aufenthaltsdauer, Integration, Sprachkenntnisse, finanzielle Situation, Strafregister und dein Wissen über die Schweiz. Ob du einen anderen Pass oder fünf andere besitzt, macht für die Schweizer Beurteilung keinen Unterschied.
Wenn dein Herkunftsland verlangt, dass du vor dem Erwerb einer neuen Staatsbürgerschaft verzichtest, ist das eine Angelegenheit zwischen dir und diesem Land. Die Schweiz wird sich nicht mit deinem Herkunftsland abstimmen oder darauf warten, dass du deinen anderen Staatsbürgerschaftsstatus klärst. Du erhältst die Schweizer Staatsbürgerschaft, wenn das SEM oder dein Kanton dein Gesuch gutheisst — was du mit deiner anderen Staatsbürgerschaft machst, ist deine Entscheidung.
Ein praktischer Tipp: Wenn dein Herkunftsland den Verzicht verlangt, warte, bis du die Schweizer Staatsbürgerschaft offiziell erhalten hast, bevor du irgendwelche Schritte unternimmst. Verzichte nicht «im Voraus» auf deine ursprüngliche Staatsbürgerschaft aufgrund einer erwarteten Genehmigung — Einbürgerungsgesuche können verzögert oder abgelehnt werden, und du willst nicht staatenlos werden.
Nächste Schritte
Wenn die Doppelbürgerschaft deine Hauptsorge war, hast du jetzt Klarheit. Die Schweiz erlaubt sie, und für die meisten Nationalitäten tut es das Herkunftsland ebenfalls. Das bedeutet, der Weg zur Schweizer Staatsbürgerschaft ist offen.
Die eigentliche Arbeit besteht darin, die tatsächlichen Anforderungen zu erfüllen: Aufenthaltsdauer (10 Jahre für die ordentliche Einbürgerung oder 5 Jahre plus 3 Jahre Ehe für die erleichterte Einbürgerung), Sprachkenntnisse (B1 mündlich, A2 schriftlich), Integration in die schweizerische Gesellschaft und — bei der ordentlichen Einbürgerung — das Bestehen des Einbürgerungstests.
Der Einbürgerungstest deckt Schweizer Politik, Geschichte, Geografie und Alltag ab. Es ist in den meisten Kantonen eine schriftliche Multiple-Choice-Prüfung, und die Bestehensgrenze liegt typischerweise bei rund 60%. Auch wenn du die erleichterte Einbürgerung durchläufst und keinen formellen Test hast, wirst du im Gespräch mit dem SEM zu denselben Themen befragt.
Um mit der Vorbereitung zu beginnen, kannst du mit echten Testfragen online üben. Die Plattform deckt alle Themen ab, die dir begegnen werden — von der Bundespolitik bis zum kantonalen Wissen. Wenn du lieber unterwegs lernst, gibt es auch die iOS-App mit Hunderten von Übungsfragen.
Nicht warten: Der Einbürgerungsprozess dauert durchschnittlich 1,5-3 Jahre. Jeder Monat Verzögerung zählt. Beginne noch heute mit der Vorbereitung deiner Unterlagen und dem Test, um unnötige Rückschläge zu vermeiden.
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